Die Stimme des Herrn

Die Stimme des Herrn

Jakob Gafarelli, der Bibliothekar Ludwigs XIII., faßte die Psalmworte »Coeli enarrant gloriam Dei« wortwörtlich auf: die Sterne seien in Form hebräischer Buchstaben am Himmel angeordnet und man könne in ihnen wie in einem Buche alles lesen, was auf der Erde vorgeht. Daß die Himmel den Schöpfer unmittelbar rühmen, davon kann in Stanislaw Lems Roman »Die Stimme des Herrn« keine Rede sein; die Sterne geben jedoch Zeichen, und wie stets liegt es am Menschen, sie zu deuten. Ein pulsierender Neutrinostrahl aus einer Quelle, die mit der Kraft unserer Sonne sendet, ist entdeckt worden, aber was diese Signale bedeuten, das ist die Frage. Handelt es sich um ein rein physikalisches Phänomen? Oder aber um eine interstellare Botschaft, ausgesandt von einer uns weit überlegenen Zivilisation an bestimmte oder auch unbekannte Empfänger, das heißt alle Zivilisationen, die fortgeschritten genug sind, sie zu entziffern?.

Bei der »Summa« hat sich etwas Komisches zugetragen, in der ersten Ausgabe habe ich im letzten Kapitel das Schicksal der Kunst im Zeitalter der technologischen Explosion berührt. Ich schrieb damals, und glaubte zutiefst daran, daß die starke Zunahme von Werken auf allen Gebieten der Literatur, Musik und bildenden Kunst an sich schon ein zerstörender Faktor sei; denn wenn wir Tausende von Shakespeares haben, dann ist keiner mehr ein Shakespeare. Diese Behauptung stieß auf eine scharfe Kritik Leszek Kotakow-skis. Ich polemisierte mit ihm in deutscher Sprache, aber das war erst vierzehn Jahre später, als dieses Buch in vielen Abschnitten keine Phantastik mehr war, insbesondere in jenen Teilen, die sich mit der Gentechnologie befassen. Leider hat er mich mit seiner kategorischen Ablehnung sosehr entmutigt, daß ich bei den späteren Auflagen das letzte Kapitel hinauswarf.

Heute sehe ich aber, daß ich weitgehend recht hatte. Auf einer der jüngsten Frankfurter Buchmessen präsentierten 64000 Verleger 288000 neue Titel, und jemand errechnete, daß für das Hineinschauen in alle Bücher im Laufe der mehrtägigen Messe für jedes Buch nur 0,4 Sekunden zur Verfügung stünden. Sie alle im Laufe eines menschlichen Lebens zu lesen, davon kann man nicht einmal träumen. Hier besteht schon eine Art Selbstbedrohung, bedarf es doch keiner Zensur und keiner politischen Eingriffe mehr, denn die Kunst, die sich in solchen Quantitäten präsentiert, unterliegt unweigerlich der eigenen Zerfallsinflation.