Die Stimme des Herrn

(...) Ich vermag keinerlei unschlagbare Beweise zugunsten meiner Überzeugung vorzubringen. Ich habe sie nicht. Ich kann im »Sternencode«, in seiner Information auf nichts hinweisen, was belegen würde, daß er für Wesen bestimmt war, die in irgendeiner Weise besser sind als wir. Vielleicht habe ich mir nur, lange genug von Demütigungen gepeinigt, gegen meinen Willen unter dem Kommando der Easterlands und Eeneys marschierend, nach dem Muster und dem Bilde meiner eigenen Wunschträume die mir einzig verfügbare Entsprechung von Heiligkeit erdichtet: den Mythos von VERHEISSUNG und OFFENBARUNG, den ich, der Mitschuldige, aus Unwissenheit ebenso wie aus bösem Willen verworfen hatte?

Wenn dem Menschen nicht mehr daran gelegen sein wird, Atome und Planeten zu bewegen, wird die Welt ihm gegenüber sehr wehrlos sein, weil der Mensch sie sich dann so ausdeuten kann, wie es ihm beliebt. Wer die Phantasie als Schwert benutzt, wird durch das Schwert umkommen.

Und dabei geht es doch darum, daß die Phantasie zum Fenster wird, das sich auftut in die Welt. Zwei Jahre lang hatten wir eine Sache von ihrem Ende her untersucht, in Gestalt von auf die Erde herabströmenden fertigen Ergebnissen. Ich schlage eine entgegengesetzte Überlegung vor. Dürfen wir, ohne in Wahnsinn zu verfallen, annehmen, man habe uns ein Rätsel, eine Art Intelligenztest, eine aus der Galaxis stammende Scharade geschickt? Einen solchen Gesichtspunkt halte ich für absurd: Die Schwierigkeit des Textes war keine Schale, die wir durchstoßen mußten. Die Botschaft war nicht für alle bestimmt: So sehe ich den Fall, und ich kann nicht anders. Als erstes: Er war nicht für Zivilisationen gedacht, die weit unten auf der Stufenleiter eines rein instrumentalen Fortschritts stehen, denn es ist doch klar, daß die Sumerer oder die Karolinger nicht einmal fähig gewesen wären, das Signal zu entdecken. War es jedoch nur das Kriterium rein technischer Leistungsfähigkeit, das den Empfängerkreis begrenzte? Blicken wir über uns hinaus! Eingeschlossen in den fensterlosen Raum der ehemaligen Atomtestanlage mußte ich unaufhörlich daran denken, daß die große Wüste jenseits der Mauern mitsamt dem sich über sie breitenden dunklen Gewölbe - und weiter -, die ganze Erde unablässig, Stunde um Stunde, Jahrhundert um Jahrhundert und Zeitalter um Zeitalter von einem uferlosen Strom aus unsichtbaren Teilchen durchbohrt wurde, dessen Fluten eine Nachricht mit sich führten, die ebenso auch auf anderen Planeten des Sonnensystems, auf anderen derartigen Systemen, in anderen Galaxien eintreffen konnte, daß dieser Strom ausgesandt worden war vor unbekannter Zeit, aus den unbekannten Abgründen des Alls - und daß dies wirklich so war.

Ich nahm dieses Wissen nicht widerstandslos hin - es widersprach viel zu sehr allem, was ich gewohnt war. Ich sah gleichzeitig unser Unternehmen, die Scharen von Wissenschaftlern, diskret beaufsichtigt von dem Staat, dessen Bürger ich bin. Eingesponnen in ein Netz von Abhörgeräten sollten wir den Kontakt zu einer das Universum bewohnenden Intelligenz herstellen. In Wahrheit war dies der Einsatz in einem global ausgetragenen Spiel, gehörte zu seiner Poule. Unter den unzähligen Kryptonymen, die die Betoneingeweide des Pentagon bis zum Rand füllen, erschien in irgendeiner Schatzkammer, auf irgendeinem Regal, in irgendeinem Ordner mit dem Vermerk »geheim« auf dem Deckel noch ein Abkürzungszeichen mehr: das der Operation »Master's Voice« - jenes bereits im Keim vom Wahnsinn gezeichneten Versuchs, etwas zu verbergen und einzusperren, was seit Jahrmillionen die Weiten des Alls erfüllt, um, wie die Kerne aus der Zitrone, eine Information von todbringendem Inhalt daraus herauszupressen.