Die Stimme des Herrn

Die Stimme des Herrn

Jakob Gafarelli, der Bibliothekar Ludwigs XIII., faßte die Psalmworte »Coeli enarrant gloriam Dei« wortwörtlich auf: die Sterne seien in Form hebräischer Buchstaben am Himmel angeordnet und man könne in ihnen wie in einem Buche alles lesen, was auf der Erde vorgeht. Daß die Himmel den Schöpfer unmittelbar rühmen, davon kann in Stanislaw Lems Roman »Die Stimme des Herrn« keine Rede sein; die Sterne geben jedoch Zeichen, und wie stets liegt es am Menschen, sie zu deuten. Ein pulsierender Neutrinostrahl aus einer Quelle, die mit der Kraft unserer Sonne sendet, ist entdeckt worden, aber was diese Signale bedeuten, das ist die Frage. Handelt es sich um ein rein physikalisches Phänomen? Oder aber um eine interstellare Botschaft, ausgesandt von einer uns weit überlegenen Zivilisation an bestimmte oder auch unbekannte Empfänger, das heißt alle Zivilisationen, die fortgeschritten genug sind, sie zu entziffern?.

Ich halte es für gut, wenn ich auch schon ziemlich lange nicht hineingeschaut habe. Es ergaben sich ziemlich rasch Übersetzungen in einige Sprachen, und nach den ersten Autorisierungen hatte ich keine Gelegenheit mehr, es mir wieder vorzunehmen, denn wenn es eine griechische, hebräische oder japanische Übersetzung gibt, kann ich nichts damit anfangen.

In diesem Buch wird eine Konzeption entwickelt, die über die Zeitgebundenheit der politischen Satire hinausgeht. Wir finden hier die Totalisierung des Begriffs der Intentionalität. Das wird mit spürbarer, ja geradezu gespenstischer Konsequenz durchgeführt und ergibt überraschende Effekte.

Mir erscheint das originell und echt. Denn der Mensch ist tatsächlich fähig, alles, was in seinem Gesichtskreis auftaucht, als Mitteilung zu behandeln. Daraus das Grundelement der Komposition eines Romans zu machen, ist gar kein so schlechter Einfall, selbst auf philosophischer Ebene. Der ganze Totemismus und Animismus und mancherlei andere Erscheinungen dieser Sphäre der vorgeschichtlichen Kulturformen beruhen bekanntlich darauf, daß die ganze Welt als eine an ihre Bewohner gerichtete Mitteilung betrachtet werden kann. Die Tatsache, daß dies von den Begründern eines bestimmten Gesellschaftssystems ausgenützt werden und dann die politischen Absichten der Diktatoren überschreiten kann, ist durchaus symptomatisch. Von diesem Moment an wird alles zu Information. Zum Beispiel kommt es zur Verabsolutierung eines konspirativen Geschichtsbildes, so daß alles, einschließlich des Regens, zum Symptom wird, das alles, was in der Politik eintreten mag, als schlecht oder gut zu prognostizieren erlaubt. Alles das gehört eben zum allgemeinen reflexartigen Wesen dieser unglückseligen Gattungsexemplare, die gezwungen sind, in einem geschlossenen System zu leben. Das erscheint mir als das Wesentliche in diesem Buch, und sein Wahnsinn - denn dieses Geschichtsbild ist paranoid - wird sehr intensiv und methodisch entwickelt. Das ist das Wertvolle und Bleibende daran. Es wird nämlich nicht - und darin erblicke ich meine Leistung - als zufällige und vorübergehende Konstellation gesellschaftlicher Vorgänge behandelt, die sich auflöst und verschwindet. Das läßt sich von Ort zu Ort, von einer Zeit auf eine andere übertragen und betrifft als tiefgreifende Formel viele verschiedene Erscheinungen in sehr divergenten Gesellschaftsformationen. In diesem Buch herrscht überdies eine glückliche Verbindung zwischen düsterer Unheimlichkeit und Humor. Dieser düstere Humor ist ein genius temporis und ein Signum temporis. Immer noch! Nichts weist darauf hin, daß dies einmal vorbei sein könnte.