|
Seite 1 von 4  Schwejk als Weltraumfahrer Über das Vergnügen, Stanislaw Lem zu lesen. Siegfried Lenz Zugegeben: Meine Begeisterung für Science-fiction-Literatur hat im allgemeinen enge Grenzen. Meine Erregbarkeit für sie läßt mehr als zu wünschen übrig. Nicht einmal der melancholische Witz eines Kurt Vonnegut jr. kann mich für die Nötigung entschädigen, ihn mit Lichtgeschwindigkeit auf galaktische Unternehmungen begleiten zu müssen. Bei aller Bereitwilligkeit zu kosmischen Streifzügen und bei aller Neugierde für außerplanetarische Vorkommnisse: die von weit her importierten Erfahrungen beunruhigen mich zu meinem Kummer wenig.
Sie betreffen mich kaum. Und was ihren Unterhaltungswert angeht: Ein Dachdecker auf dem Ulmer Münster, der, sagen wir, den unabwendbaren Konkurs seiner Firma zu bedenken hat, hält mich leider mehr in Atem als die kriegerische Auseinandersetzung von sternenhaften Glühmännchen, auch wenn sie im Gesicht einen noch so dekorativen Bohrer tragen. Das liegt natürlich an mir und an meiner Unfähigkeit, die vielfachen Demütigungen durch die Schwerkraft zu vergessen, denen unsereins hier täglich ausgesetzt ist. Uns will es eben nicht gelingen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, aus der empirischen Zeit auszusteigen, den Hunger ad acta zu legen oder uns achtlos über eine verpfuschte Biologie zu erheben: an jeder Ecke sozusagen wird uns unsere Unvollkommenheit bescheinigt. Aber gerade diese Unvollkommenheit verpflichtet. Die vielfältigen Mängel fordern mein Interesse heraus. Nur ein Schicksal, in dem ich mich wiederfinden kann, geht mich etwas an. Deshalb nehme ich die aufregendste Information über monströse Zeitgenossen auf einer Milchstraße gleichgültiger zur Kenntnis als eine beiläufige Mitteilung über einen irdischen Nachbarn, dessen Pech ich mit meinem Pech vergleichen kann. Es ist keineswegs die Ferne allein, die zu solch einer Gleichgültigkeit führt; es ist vielmehr die uns unterwandernde Erkenntnis, daß. alle Ergebnisse kosmischer Erkundung, mögen sie auch noch so amüsant sein. uns in unserem dürftigen irdischen Leben zu nichts verpflichten, einfach, weil sie beliebig, weil sie nicht anwendbar sind.
<< Start < Zurück 1 2 3 4 Weiter > Ende >>
|